Ist klassische Finanzberatung überflüssig?
„Finanztest“ hat in der letz-ten Ausgabe die Banken getestet und kommt zu der erschütternden Erkenntnis: „Ein Jahr nach Lehman ist die Beratung der Banken noch so schlecht wie ihr Ruf.“ Dieses Statement beinhaltet zweierlei: Erstens, die Einschätzung vieler Ver-braucher zur Beratungsqua-lität in Banken war schon längere Zeit schlecht und zweitens hat sich hieran bis zum heutigen Tage nichts geändert. Braucht man dann überhaupt noch eine Finanzberatung? Dafür muss man zunächst hinterfragen, was sich hinter dem allgemeinen Begriff „Bera-tung“ eigentlich versteckt. Ratgebung, Expertenwissen, Besprechung, Aufklärung, Lösungsalternativen werden häufig assoziiert.
Woraus haben Mitarbeiter der Banken jahrzehntelang die Legitimation für die Be-raterhoheit genommen? Aus der langen Ausbildung, aus dem fundierten Einblick in komplizierte und neuartige Zusammenhänge, aus der Nähe zu Wissenden und Experten und vor allem aus der zugeordneten Kompe-tenz, dies alles sinnvoll zu verknüpfen. Die Motivfrage wird erst in den letzten Jah-ren zunehmend kritisch gestellt. Die Generation 50Plus ist in einem Bewuss-tsein erzogen worden, dass eine Bank einen, zu der jeweils geschilderten Kun-densituation, passenden Rat gibt und das entsprechende Produkt gewissenhaft aus-sucht. Dass daran dann auch verdient wurde, wurde, genau wie bei einem Arzt, stillschweigend akzeptiert, nicht aber als primäres Ziel identifiziert. Genauso wenig, wie man das Zitat über den „ruinierten Ruf“ eindeutig Busch oder Brecht zuordnen kann, kann man heute fest-stellen, ab wann sich die Einstellung zur Bankberatung eigentlich von einer wohlwollenden in eine kritische gewandelt hat. Tatsache ist aber, sie hat sich verändert und zwar drama-tisch.
Ein ganz wesentlicher Grund für diesen Umbruch ist die rasant fortschreitende In-formationstechnologie. Modellrechnungen für neue Finanzprodukte oder alter-native Szenarien, für die noch vor wenigen Jahren ganze Büroetagen von Rechnern nötig waren, kön-nen heute am Privat-PC vorgenommen werden. An fast jedem Ort und zu fast jeder Zeit ist zudem eine noch vor kurzem unvors-tellbare Wissensbreite und –tiefe nahezu kostenlos verfügbar. Und genau durch diese Veränderungen ist die Funktion eines Beraters heutzutage eine völlig an-dersartige. Eine insgesamt gute, verbraucherfreundliche Entwicklung, da finanz-technische Entscheidungen endlich auf Augenhöhe und nicht mehr auf der Basis von selektivem Zugang zu In-formationen getroffen wer-den. Der Expertenstatus ist dadurch jedoch weitgehend verlorengegangen. Was bleibt also von dem zu-geordneten Wissensvor-sprung? Eigentlich nur die Nähe zu den (vor allem bankeigenen) Experten.
Die fundierte Prognose wichtiger Basisparameter ist für darauf aufbauende Ana-lysen über Börsenentwick-lungen oder Einzelwertvor-hersagen von existenzieller Bedeutung. Wenn die welt-besten Forscher über einen längeren Zeitraum aber noch nicht einmal die Richtung vorhersagen können (Deflation oder Inflation bzw. steigen oder sinken des Rohölpreises), also noch nicht einmal wissen, ob man vorwärts oder rückwärts fährt, können darauf auf-bauende Empfehlungen nicht ansatzweise eine seriöse Entscheidungsgrundlage sein. Selbst das Handelsblatt titulierte kürzlich „Die hohe Kunst des Weghörens“ und meinte damit die Prognosen zur Konjunktur- und Bör-senentwicklung, die „alle wenig taugen“. Was nützt dann also die Nähe zu diesen Experten? Nichts!
Diese Zeiterscheinungen führen letztendlich dazu, dass ein Berater in Finanz-fragen lediglich eine beglei-tende, nicht aber mehr eine wegweisende Funktion hat. Festzustellen ist, dass auch diese reduzierte Funktion in Gefahr ist, da die Beratung durch massive interne Ver-kaufsvorgaben immer stär-ker auf reinen Produktver-kauf ausgerichtet wird. Es geht nicht mehr um die Bedarfsermittlung oder Bedarfsbefriedigung des Kunden, sondern um die der Bank. Folgerichtig wurde dies von Verbrauchern und Medien gebrandmarkt. Eine derartige Beratung ist schlicht verzichtbar!
Die tabellarische Aufarbei-tung der Vergangenheits-renditen von Investment-fonds, umgangssprachlich Rennlisten genannt, könnte das Beratungsvakuum mög-licherweise ausfüllen. Be-dauerlicherweise ist aber schon die Einordnung in gleichartige Klassen hoch kompliziert, die Vergleich-barkeit daher nur sehr ein-geschränkt darstellbar, die Transparenz bestenfalls erheblich zeitverzögert möglich und die Gebühren-festlegung in der Regel überzogen: Sowohl die einmaligen Anschaffungs-kosten, als auch die jährli-chen laufenden Kosten schmälern den Ertrag des Anlegers erheblich. Folge-richtig schafft es nur eine erstaunlich kleine Anzahl derartig aktiv gemanagter Fonds beispielsweise auf Jahresbasis den Vergleichs-index zu schlagen. Auf län-gere Sicht gibt es so gut wie keinen mehr! Eigentlich logisch, muss doch der Fondsmanager Jahr für Jahr mindestens in Höhe der internen Fondskosten besser sein als der Index.
Gilt es individuelle Faktoren zu berücksichtigen (Haus-kauf, Entschuldung, Erb-schaft, Krankheit usw.), i
|
Artikel drucken Artikel empfehlen |

