Menschen des 20. Jahrhunderts - 100 Berliner Portaits
Als freiberufliche Fotografin, die ich seit 1997 bin, habe ich mich in meiner Debutausstellung mit den Menschen meiner Stadt auseinandergestezt. Schließlich sollte doch eine Fotografin, die sich als Arbeitsfeld der Portrait- und Reportagefotografie verschrieben hat, sich ausgiebig mit den Gesichtern auseinandersetzen, die es zu fotografieren gilt.
Wie gesagt so getan, mit einer Rolleiflex 6x6 Mittelformatkamera ausgerüstet, habe ich mir 100 Menschen aus den einzelnen Geburtsjahrgängen, also von 1900-1999 gesucht und diese portraitiert.
Im Jahr 2000 wurde diese Ausstellung in Berlin Mitte, im Haus Schwarzenberg, Hacke'sche Höfe, erstmals präsentiert und ist nun auf meiner Webseite ATELIER ANKE JACOB - Fotograf Berlin zu sehen.
Der Autor Matthias Biskupek hat ein Vorwort in dem zur Ausstellung erschienenen Katalog "Menschen des 20. Jahrhunderts" geschrieben, welches im Anschluß folgt:
Ankes Menschen werden immer jünger
Vermessenheit ist nicht die schlechteste Eigenschaft. Die Fotografin Anke Jacob war so vermessen, ein ganzes Jahrhundert zu fotografieren. Hundert Menschen, jeder steht für ein Jahr seit 1900, zeigen uns, was für ein Antlitz dieses Säkulum hat. Ein Antlitz, das in Berlin aufgenommen wurde. Mit einem Apparat, hinter dem Anke gestanden, gekniet, gehockt hat. Einmal hat sie sich auch davor gesetzt; aber sie hat sich bei diesen Bildern eben nur einmal in Szene - gesetzt.
Wenn wir das Foto eines Menschen sehen, haben wir blitzschnell ein Urteil über ihn, ob wir wollen oder nicht. Schön sagen wir oder schräg, oder schön schräg. Als ich vor etlichen Jahren Anke Jacob kennenlernte, wir wohnten im selben Hinterhaus, hatte sie mal knallrote, mal giftgrüne, mal tiefschwarze Haare. Sie lachte laut gickernd und sprach mit heller Stimme und mein Urteil stand fest: Typische Vertreterin der Spaßgeneration. Alles muß easy sein. Die Arbeit hat sie wohl nicht erfunden, trotzdem schön, daß es so unbedarfte Leute gibt.
Später sah ich Bilder von ihr. Und bekam am Rande, als zufälliger Nachbar mit, wie sie arbeitete: hart, nächtelang, gleichzeitig studierend und sich die Kohle dafür verdienend. Nein, diese junge Frau, aus einer Westharz-Puppenstubenstadt ins ruppige Berlin gekommen, war offensichtlich nicht nur just für den fun da, sondern auch heftig in ihre Arbeit verliebt.
Sie versteht es, Leute auch ungeschönt ins Bild zu setzen. Sie schneidet ungerührt ein Stück Stirn weg, manchmal zeigt sie gnadenlos Poren und Falten. Doch so, wie ein guter Maler den Menschen in die Zukunft hinein malt, so sind auf Anke Jacobs Fotos gelegentlich Leute zu sehen, die vertrauensvoll in ihr Jahrhundert zurückschauen, vor Lachen fast aus dem Bild herausplatzen - oder sich in den Bilderrahmen hineingepreßt finden. Ihre Gesichter werden immer jünger, ihre Lebensweisheiten stehen dagegen in allerlei grammatischen Zeiten, von der vollendeten Vergangenheit bis zur einfachen Möglichkeitsform.
Meine Mutter (Jahrgang 1923) urteilte zu diesen Fotos vielleicht so: Man muß doch den Kopf ganz sehen! Ich (Jahrgang 1950) sage zu Anke Jacob: Manchmal fotografierst du ein bißchen gnadenlos. Anke (Jahrgang 1971) sagt mir freudestrahlend zum Foto eines türkischen Berliners: Den hab ich auf dem Flohmarkt gefunden!
Ihre Lust am Finden und Fotografieren ist so ursprünglich wie die besten dieser Bilder; daß die Fotografin sich aber Zeit genommen hat, sehen wir spätestens auf den zweiten Blick.
Matthias Biskupek
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