Plattenspieler–Werkzeug aus der Steinzeit oder Objekt mit Kultstatus
Wer erinnert sich nicht gerne an die Zeit? Stundenlang wurde mit Freunden vor den LP Regalen gestanden und die neusten Erscheinungen von Led Zeppelin begutachtet. Mit wenigen DM Taschengeld in der Börse wurde anschließend, nach langem beraten, dann für eine Platte entschieden. Zuhause angekommen ging der Plattenspieler die nächsten Wochen nicht mehr aus.
Heute ist diese Kultur des Musikhörens fast gänzlich aus den Wohnzimmern verschwunden. Nur die wenigsten haben überhaupt noch einen CD-Player stehen, denn den Platz der Hi-Fi Anlage hat ein Computer, oder im besten Fall ein DVD-Player, übernommen.
Jetzt können kurzerhand viele Tracks kostengünstig aus dem Internet geladen werden. Für diese wenigen Megabytes müssen nur ein paar Sekunden geopfert werden, sodass sofort Musik genossen werden kann.
Doch genau hier liegt auch das Problem, denn die meisten Musikfans haben abertausend Tracks auf dem Computer und auch die Playlisten verfügen über mehrere hundert Songs. Gefällt ein Lied nicht, hat es verspielt und wird aus der Liste gelöscht. Bands sind dadurch fast gezwungen ihre Musik anspruchslos und monoton zu gestalten.
Das bedeutet, dass selbst Interpreten von Independent Labels immer wieder dieselben vier Akkorde und wiederkehrende Refrains benutzen. Besonders die Charts zeigen diese charakteristische Entwicklung – ein geistreiches Gitarrensolo im Jimmy Page Style hat dort keinen Platz.
Deswegen ist der Plattenspieler noch bei vielen Musikfans in Betrieb und auch aktuelle und bekannte Rockbands bringen ihre Musik weiterhin auf Langspielplatten in die Märkte. Meistens ist dort nochmal ein Gutschein dabei, mit welchem das Album nochmal zusätzlich aus dem Internet geladen werden kann, um keinen Nachteil gegenüber einer CD, oder einem Direktdownload zu haben.
Vor allem Sammler und Liebhaber besitzen über ganze Regale voll mit LPs. Auch die Booklets verfügen oftmals über viele Seiten und ähneln schon einem ganzen Buch.
Aber nicht nur Sammler profitieren immer noch von der Kultur der Langspielplatten. Auch in der Hip Hop und Elektro Szene hat sich der Plattenspieler als Mischpult etabliert. Heute benutzen aber nur noch die wenigsten klassische Abspielgeräte, sondern eher digitale Turntables. Diese drehen sich zwar auch, allerdings imitieren sie nur Schallplatten. Verbunden mit einem PC werden Mp3s abgespielt und per Drehung an den Pulten in der Geschwindigkeit variiert.
Dennoch gibt es nicht nur in kleinen LP Läden noch Platten zu kaufen, sondern auch in größeren Elektrofachgeschäften. Zwar ist es nur noch eine Sammelleidenschaft, aber auch diese wird so schnell nicht an Bedeutung verlieren. Die Kultur die damit zusammenhängt, unterscheidet sich im Wesentlichen einfach zu sehr von der der MP3, was viele Musikfans auch zu schätzen wissen. Es ist zwar schwer in die LP Kultur als Neuling einzusteigen und es erfordert viel Geduld und auch Geld, jedoch gibt es immer wieder neue Fans der langen Platten.
Zwar ist das in der Relation gesehen immer noch nur ein Tropfen auf den heißen Stein, um gegen den „listen and forget„ Trend entgegen zu wirken, aber dennoch eine Aktion, die zu viele gerne unterstützen würden.
Wenn es aber in den neuen Generationen keine Bestrebungen gibt, diesen Trend Einhalt zu gebieten, sei es durch LPs, oder mit einer anderen Idee, wird in naher Zukunft nicht nur der Plattenspieler ein Produkt der Steinzeit sein, sondern auch anspruchsvolle Musik, jenseits vom fünften Bund.
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